Über Brachen schreiben. Nature Writing und urbane Landschaften

26. Februar 2026, 18 Uhr

Ein Vortrag von Prof. Dr. Jan Röhnert (Institut für Germanistik, Technische Universität Braunschweig)

In der Kunst ist die Natur kein reizvoller Hintergrund oder Dekor, sondern eine feste, handelnde Größe, die auch unabhängig vom Handeln des Menschen wirksam ist. Natur in diesem Sinne ist kein exklusiv geschützter Raum, der in Reservaten am besten fernab der Zivilisation für sich existiert, sondern im Nature Writing wird die Natur als kopräsent und koexistent mit den Landschaften der menschlichen Kultur und Zivilisation (der „zweiten Natur") erlebt.

Innerhalb unserer urbanen Landschaften ist das nicht nur auf Parks, Friedhöfen, Alleen und Waldinseln zu sehen, sondern auch und vor allem an aufgegebenen Orten der Industriekultur, auf Brachen, die, oft über Jahre für sich belassen, eine neue Form von innerstädtischer Wildnis entwickelt haben. Brachen stellen oft ganz unmittelbare, schützenswerte Biotope „um die Hausecke" dar und bieten zugleich – für einen auf Ordnung, getrimmten Geschmack höchstens verwildertes „Gestrüpp" – Möglichkeits- und Freiräume der Vorstellungskraft. Am Beispiel des Widerstands gegen die komplette Bebauung einer großen Leipziger innerstädtischen Brache plädiert der Vortrag für die Erkundung von Brachen als offener Raum einer „dritten" Natur, wo sich „Wildnis" und „Zivilisation" überlappen.

Der Autor und Literaturwissenschaftler Jan Röhnert erhielt 2026 den Wilhelm Lehmann Preis „für herausragende essayistische Prosa im Bereich des Nature Writing“. Sein Buch Wildnisarbeit. Schreiben, Tun und Nature Writing ist letztes Jahr erschienen.